Jeder für sich zusammen

Von:  André Schmidt-Carré und Marc Alberts

 

Nicht nur Kreditinstitute und Landwirte setzen auf das Prinzip Genossenschaft: Immer mehr Menschen und Unternehmen entdecken die Vorteile der Rechtsform für ihre Aktivitäten. In den Branchen und Tätigkeiten unterschiedlich, verfolgen sie alle das gleiche Ziel: Gemeinsam vor Ort nachhaltig zu wirtschaften. 

Sucht Andreas Hörcher einen Sparring­Partner für neue Ideen außerhalb der eigenen Firma, fährt er einfach ein Stockwerk tiefer: Im „JenTower“ in Jena residieren insgesamt 20 Unternehmen aus der IT­ und Softwareentwickler­Branche. Sie sind Mitglieder der Genossenschaft TowerByte eG und haben gemeinsam vier Etagen des Turms angemietet. Zu den Genossen zählt Hörchers Finnwaa GmbH, die mit 25 Mitarbeitern die Werbung von Firmen im Internet für Suchmaschinen optimiert und Social­-Media-­Kanäle konzipiert. Die Firmen mit Genossenschaftsanteilen sind allesamt klein bis mittelgroß, die Mitarbeiterzahl reicht von weniger als fünf bis zu rund 100 An­ gestellten. „Wir ergänzen und unterstützen uns“, sagt Hörcher, Vorstand der Genossenschaft. „Als Mieter ist es für Unternehmen in unserer Größenordnung häufig einfacher, wenn man gemeinsam im Verbund auftritt.“

Genossenschaften liegen im Trend: Im Jahr 2015 haben in Deutschland 2.700 Neugenossen 124 Genossenschaften gegründet, in den Jahren zuvor lag die Zahl der Neugründungen sogar noch stark darüber. Dabei sind es längst nicht mehr nur traditionelle Branchen
wie Kredit­ und Landwirtschaft oder der Handel, die diese Rechtsform für ihre Unternehmungen nutzen. Vor allem im Bereich der erneuerbaren Energien sind in den
vergangenen Jahren Genossenschaften entstanden. Hinzu kommen viele Gründungen aus der Kreativ­
und IT­Branche sowie dem sozialen Bereich. „Gesellschaftliche Umbrüche wie die demografische Entwicklung und die Veränderungen durch die Energiewende führen zu einem verstärkten Blick auf das Regionale, auf das gemeinsame Handeln vor Ort“, so Andreas Wieg, Gründungsexperte beim Deutschen Genossenschafts­ und Raiffeisenverband (DGRV). „Das hat die Zahl der Gründungen zusätzlich steigen lassen.“

Wirtschaften auf Augenhöhe

Die Genossenschaft eignet sich vor allem für Unternehmungen, bei denen alle Mitglieder gleichberechtigt zusammenarbeiten und Entscheidungen gemeinsam treffen wollen. Denn es gilt seit jeher das Prinzip der Gleichberechtigung: Jeder Genosse hat unabhängig von der Höhe seines investierten Kapitals das gleiche Stimmrecht. Einzelne Mitglieder übernehmen Führungsposten ehrenamtlich. Im Gegensatz zum Verein hat die Genossenschaft dennoch ein klar wirtschaftliches und kein ideelles Ziel: Sie erbringt etwa Dienstleistungen für ihre Mitglieder oder stellt ihnen Güter bereit. Darüber hinaus bleiben die Genossen jedoch völlig selbständig und unabhängig, lediglich bestimmte betriebliche Funktionen werden geteilt. „Wichtig ist, dass die Vertrauensbasis der Mitglieder untereinander stimmt“, sagt Wieg. „Das ist eine grundlegende Voraussetzung für die langfristige und nachhaltige Zusammenarbeit.“

Die Gründung der TowerByte eG in Jena war eine Reaktion auf die Krise des damaligen Jenaer Internet­Vorreiters Intershop. Als dieser im Jahr 2003 einen großen Teil seiner Mitarbeiter entlassen musste, machten sich viele von ihnen selbständig und gründeten die noch heute existierende Genossenschaft, um gemeinsam die frei werdenden Flächen im Tower anzumieten. Mit Erfolg: Aus den damaligen Existenzgründern sind viele wachstumsstarke Unternehmen hervorgegangen, derzeit beschäftigen sie zusammen rund 300 Mitarbeiter. Um weiter wachsen zu können, baut die Genossenschaft derzeit ein weiteres Bürogebäude in der Nähe des Towers. „Wir haben festgestellt, dass die räumliche Nähe wichtig ist, damit der Zusammenhalt funktioniert und wir das Genossenschaftskonzept richtig umsetzen können“, so Andreas Hörcher.

Die Mischung macht’s

Die TowerByte eG ist jedoch mehr als eine reine Mieter­Vereinigung: Die beteiligten Firmen nutzen neben ihren eigenen Büroflächen gemeinsam Konferenzräume, Küchen, IT­Infrastruktur, treten am Arbeitsmarkt als eine Arbeitgeber­Marke auf und bearbeiten gemeinsam Projekte. Für Hörcher ein entscheidender Vorteil: „Wir können uns besser im Markt positionieren und werden als Arbeitgeber viel stärker wahrgenommen, als das bei einer kleinen einzelnen Firma der Fall wäre. Zudem strahlt die Größe der Genossenschaft auch Sicherheit und Verlässlichkeit aus, die für potenzielle Arbeitnehmer attraktiv ist.“

Der gute Zusammenhalt innerhalb der Genossenschaft lebt maßgeblich von der richtigen Mischung der Firmen: „Wir nehmen nicht jedes Unternehmen auf, sondern schauen im Rahmen einer Probezeit genau hin, ob ein Interessent zu uns passt“, sagt der 37­Jährige Unternehmer. „Wenn es dann hinhaut mit einem neuen Genossen, ist der Zusammenhalt umso größer.“ Wichtig ist zum Beispiel, dass die Mitgliedsfirmen der Genossenschaft sich in ihrem Fachgebiet ergänzen und keine Konkurrenten sind. Sie sollten sich engagieren, wenn die Genossenschaft Veranstaltungen im Haus organisiert.

Selbst versorgen – gemeinsam wachsen

Im niedersächsischen Jühnde haben sich 193 Genossen zu einem ganz anderen, aber ebenso langfristig angelegten Zweck zusammengeschlossen: Sie betreiben ihren kleinen Heimatort als so genanntes Energiedorf. Drei von vier Dorfbewohner sind Mitglied in der Genossenschaft Bioenergiedorf Jühnde eG und produzieren Strom und Wärmeenergie selbst: „Die Idee hat viele Menschen hier im Ort damals überzeugt“, sagt Eckhard Fangmeier, der in Jühnde wohnt und die Genossenschaft derzeit als einer von zwei Vorständen ehrenamtlich führt. Damals, das war um die Jahrtausendwende, als sich das Dorf lange vor der Energiewende erfolgreich für ein Pilotprojekt mehrerer deutscher Universitäten zur dezentralen Energieversorgung beworben hatte. Im Jahr 2005 ging das Energiedorf nach mehrjähriger Planungsphase als deutschlandweit erstes seiner Art in Betrieb. Technischer Kern des Projekts ist eine Biogasanlage, die ein Blockheizkraftwerk antreibt und die Haushalte der Genossen im Dorf über ein mehr als fünf Kilometer langes Rohrsystem mit Wärme versorgt. Die Anlage kann zudem etwa doppelt so viel Strom produzieren, wie die Genossen selbst benötigen. Überschüsse speisen sie ins Netz ein und erzielen damit einen Umsatz von rund 1,3 Millionen Euro pro Jahr. „Man bekommt günstig Wärme, legt sein Geld sicher an und bekommt obendrein eine kleine Rendite“, sagt Fangmeier. „Hinzu kommt natürlich der ideelle Wert, wir tun schließlich etwas Gutes für die Umwelt.“

Zudem gehen die Genossen mit gutem Vorbild voran: Regelmäßig kommen Schülergruppen und andere Besucher aus dem In­ und Ausland nach Jühnde, um sich das Bioenergiedorf anzuschauen, das längst auch Windkraft­ und Photovoltaikanlagen sowie eine Holzschnitzelanlage betreibt – und obendrein das Gemeinschaftsgefühl im Ort verbessert hat. „Zum Beispiel können sich zugezogene Dorfbewohner darüber schnell integrieren“, so Fangmeier. „Das ganze Dorf lebt dieses gemeinsame Projekt, die Genossen wollen das Konzept ständig weiterentwickeln.“ Derzeit bauen sie im Ort eine Infrastruktur für Ladesäulen und ein Carsharing­Konzept auf, um künftig Elektroautos mit dem produzierten Strom betanken zu können.

Vertrauen als Erfolgsfaktor

Im sozialen Bereich engagiert sich die Familiengenossenschaft eG in Mannheim, die mehrere Tagespflegeeinrichtungen für Kinder betreibt und ihre nachhaltigen Ziele auf zwei Ebenen verfolgt. Zum einen verbessert sie die Marktchancen der sogenannten aktiven Mitglieder. Das sind Kleinselbständige in sozialen Berufen wie Tagesmütter und Erzieherinnen. Sie akquirieren über die Genossenschaft gemeinsam Aufträge, organisieren Vertretungen und rechnen ihre Leistungen ab. Zum anderen fungiert die Genossenschaft für Unternehmen der Region als Plattform, um die Betreuung von Kindern ihrer Mitarbeiter zu organisieren. Diese Unternehmen sind so genannte investierende Mitglieder, welche die Genossenschaft lediglich finanziell unterstützen. Im Gegenzug erbringen die Erzieher und Tagesmütter ihre Leistungen im Rahmen der genossenschaftlich organisierten Arbeit exklusiv an diese investierenden Mitglieder. Seit der Novelle des Genossenschaftsgesetzes im Jahr 2006 dürfen Genossenschaften solche Mitglieder aufnehmen, um ihre Kapitalbasis zu stärken. Die Einbindung von Unternehmen in die Genossenschaft hat im konkreten Fall einen weiteren Vorteil: „Bei der Kinderbetreuung ist das Vertrauensverhältnis von Erziehern zu den Eltern und damit zu den Mitarbeiterfamilien besonders wichtig“, so der ehrenamtliche Genossenschafts­Vorstand Anton Frey. „Deshalb macht es Sinn, dass die Firmen über die genossenschaftliche Beteiligung eng eingebunden sind.“

Das Modell funktioniert: Aus anfänglich dreizehn Betreuern und zehn Unternehmen sind bereits insgesamt 84 Mitglieder geworden, außerdem bietet die Familiengenossenschaft mittlerweile auch Alltagsbegleitungen für Senioren an. „Immer häufiger pflegen Arbeitnehmer neben ihrer beruflichen Tätigkeit kranke Familienmitglieder“, so Frey. „Wir entlasten sie dabei, damit Arbeitnehmer Job und Familie unter einen Hut bekommen.“ 

 

Foto: iStock | StockRocket

Abonnieren Sie jetzt das N-Kompass Magazin im NWB Shop

Inhaltewelt

Entdecken Sie andere Beiträge...