Crowdfunding Der Schwarm als Geldgeber

Von:  Annika Janßen

Crowdfunding boomt. Immer mehr Jungunternehmer, Künstler und Kreative beschaffen sich über Internetplattformen bei einer breiten Masse von Kleinanlegern Geld für ihre Projekte. Wer für seine Idee viel Kapital sammeln will, braucht vor allem eins: Exklusivität.

Die Welt retten. Oder sie zumindest ein bisschen besser machen. So lautet das ambitionierte Ziel von Giang Phan und Bastian Baumann, beide seit kurzem fertig ausgebildete Textil- und Bekleidungsmanager aus Berlin. Um mit der Weltrettung anzufangen, haben die beiden erst einmal klein begonnen: Mit einer selbst entworfenen Tasche namens EARTHBAG, die den Einsatz von gleich vier herkömmlichen Taschen überflüssig machen soll. „Unsere EARTHBAG lässt sich mit wenigen Handgriffen in Rucksack, Henkel- und Umhängetasche sowie in eine Strandtasche umfunktionieren“, sagt Bastian Baumann. „Wer braucht schon vier Taschen, wenn er alles in einem haben kann?“, lautet seine rhetorische Frage. Im Sinne der Nachhaltigkeit soll der beutelgewordene Alleskönner dazu beitragen, Ressourcen- und Materialverschwendung einzudämmen. „Die EARTHBAG ist optisch ansprechend und funktional. Weil sie ökologisch, sozial und fair hergestellt wird, ist sie aber eben auch innerlich schön“, sagt Baumann.

Die coole Tasche ist das Pilotprojekt der Berliner Firma EARTHBACK, die sich die Produktion und den Verkauf nachhaltiger Produkte auf die Fahne geschrieben hat. Noch gibt es die Tasche nicht zu kaufen. „Nachdem der Stoff mit leichter Verspätung Mitte Februar bei uns eingetroffen ist, machen wir uns jetzt an die Produktion und beginnen dann Mitte März mit der Auslieferung“, sagt Baumann. Den wichtigsten Teil ihres Projekts haben die beiden Jungdesigner Baumann und Phan bereits gestemmt: Die Finanzierung. Ein Unternehmen hatte bisher keiner der beiden geführt, auch wussten sie vor einigen Monaten nicht, ob ihre Idee überhaupt auf positive Resonanz stoßen würde. „Um erst einmal die Marktakzeptanz für das Pilotprojekt zu testen, haben wir für die Finanzierung deshalb nicht eine Bank um einen Startkredit gebeten, sondern auf Crowdfunding gesetzt“, sagt Baumann.

Damit haben sich die beiden Jungdesigner für eine Finanzierungsform entschieden, die nicht nur in Deutschland boomt. Crowdfunding, auch Crowdinvesting genannt, bedeutet auf Deutsch Schwarmfinanzierung. Dabei stellen Unternehmer, Privatpersonen, Künstler oder auch Hilfsorganisationen ihre Projekte auf Online-Plattformen vor. Sie geben einen Mindestbetrag an, der notwendig ist, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen, und werben bei Kleininvestoren um finanzielle Unterstützung für ihre Projekte. Diese Kleininvestoren bilden den sogenannten Schwarm, der die verschiedenen Projekte finanzieren soll. Privatleute können bereits ab Beträgen von 10, 100 oder 1.000 Euro investieren. Kommt der gewünschte Mindestbetrag – oder mehr – in einer festgelegten Zeitspanne zusammen, fließt das Geld an das Projekt. Lassen sich nicht genug Kleinanleger überzeugen, ist die Schwarmfinanzierung gescheitert, das Geld fließt zurück an die Investoren. Im Fall von „EARTHBAG“ war das nicht nötig: Zwischen Februar und November 2013 gelang es den beiden Jungdesignern, sogar etwas mehr als die zur Projektumsetzung notwendigen 12.000 Euro einzusammeln. Bislang spendeten 102 Unterstützer für die Produktion der Spezialtasche.

Beim Crowdfunding ist die Grenze zwischen Investoren und künftigen Kunden fließend. Die Idee der Projektfinanzierung nach dem Prinzip „Kleinvieh macht auch Mist“ stammt ursprünglich aus den USA. Dort begannen vor einigen Jahren Künstler, soziale Organisationen und kreative Privatpersonen, sich über das Internet mit potenziellen Spendern für ihre Projekte zu vernetzen. Im Gegenzug für die Spenden boten sie zum Beispiel Eintrittskarten zu Ausstellungen und Konzerten, fertige Exemplare der finanzierten Produkte oder persönliche Treffen an. Dank des World Wide Web kamen so zum Teil sechsstellige Summen zusammen. Die erfolgreichste und bekannteste Schwarmfinanzierungs-Plattform ist das 2009 gegründete US-Portal Kickstarter, das im ersten Jahr nach seiner Gründung 20 Millionen US-Dollar für mehr als 3.000 Projekte einsammelte.

Auch in Deutschland ist Crowdfunding mittlerweile eine weithin bekannte und etablierte Finanzierungsform – nicht mehr nur für die Projekte von Künstlern und Kreativen. Start- ups und Kleinunternehmen werben ebenfalls auf Plattformen wie Startnext und BERGFÜRST um die Gunst von Kleininvestoren. Für sie ist Crowdfunding oftmals eine sinnvolle und weniger aufwändige Alternative zum Bankkredit: Denn die Online- Community gibt sich oft mit einer gelungen Vorstellung einer Projektidee zufrieden und fragt nicht nach Businessplänen oder Sicherheiten. Die neue Finanzierungsform ist deshalb auch für bereits etablierte Firmen interessant. Sie können Crowdfunding einsetzen, um eine besonders innovative Idee zu finanzieren. Ein positiver Nebeneffekt: Die Sammelaktion sorgt auch dafür, dass das neue Produkt bei möglichen Käufern bekannt wird. Unternehmen können Crowdfunding also gleichzeitig als Marketingmaßnahme nutzen.

Interessant ist die Schwarmfinanzierung vor allem für Produkte, die Emotionen bei Käufern wecken. Unter den Firmen, die auf Crowdfunding setzen, finden sich viele, deren Geschäftsmodell auf Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung ausgerichtet ist: Zum Beispiel CulinARy MiSfiTS. So heißt das Unternehmen von Lea Brumsack und Tanja Krakowski aus Berlin. Die beiden setzen sich mit „CulinARy MiSfiTS“ für eine nachhaltige Esskultur ein. Sie sammeln Gemüse, das es aufgrund seiner Optik nicht in deutsche Supermärkte schaffen würde: Krumm gewachsene Gurken, Zucchini mit Dellen oder dreibeinige Möhren. „Fast die Hälfte der Ernte deutscher Bauern bleibt wegen ungewöhnlicher Form und Größe des Gemüses auf den Feldern zurück“, heißt es in der Projektbeschreibung von „CulinARy MiSfiTS“ auf Startnext. Das wollten die beiden Berlinerinnen nicht hinnehmen und begannen im Jahr 2012 zunächst mit mobilem Bio-Catering für diverse Veranstaltungen. Im Angebot: Kuchen aus missgebildeten Kürbissen und krummen Karotten oder Suppe und Quiche aus verformtem Gemüse. Mittlerweile ist aus dem Mobil-Catering ein Unternehmen mit eigenem Laden geworden. Im Frühjahr eröffnen Brumsack und Krakowski den ersten „CulinARy MiSfiTS“-Laden im Berliner Stadtteil Neukölln.

Das Projekt zur Rettung verformten Gemüses hat auf der Online-Plattform startnext.de zwischen Oktober und Dezember 2012 insgesamt 15.610 Euro eingesammelt, das waren 610 Euro mehr, als für den Projektstart notwendig gewesen wären. Im Vergleich zu anderen durch Crowdfunding finanzierten Projekten ist das sogar wenig. Denn nicht nur in den USA, sondern auch hierzulande, sammeln manche Crowdfunding-Projekte über große Portale wie Companisto und Seedmatch sechsstellige Beträge ein oder knacken sogar die Milionengrenze.

Crowdinvesting ermöglicht indes nicht nur die Realisierung von Produkten wie Taschen, CDs und Filmen oder gibt Starthilfe für Unternehmen. Auch der Kölner „Tag des guten Lebens“, der im September vergangenen Jahres zum ersten Mal stattfand, hat sich Starthilfe beim Internet-Schwarm geholt. „Wir wollten im Rahmen eines autofreien Sonntags erlebbar machen, wie eine neue Mobilität und eine lebendige Form von Nachbarschaft aussehen kann“, sagt Michael Krieger von Agora Köln. Der Verein, der sich für ein nachhaltigeres Köln einsetzt, hat das Projekt initiiert. Konkret bedeutete das: Der Stadtteil Ehrenfeld wurde für den motorisierten Verkehr teilweise gesperrt. Auf der freigewordenen Fläche bauten Anwohner eine lange Tafel für ein gemeinsames Frühstück auf, Konzerte und Kunstaktionen fanden statt. Kinder spielten auf der Straße Fußball. Insgesamt sammelte Agora via Crowdfunding rund 7.000 Euro ein. Die Schwarmfinanzierung diente dabei nur als Ergänzung: „Wir hatten auch noch andere Mitfinanzierer“, sagt Agora-Mitarbeiter Krieger. Für die Plattform Startnext habe man sich entschieden, weil sie in Köln etabliert sei und sich ähnliche Projekte bereits erfolgreich über das Portal finanziert hätten.

Bei Künstlern, Kreativen, Start-ups und Nichtregierungsorganisationen hat sich die Schwarmfinanzierung bereits durchgesetzt. Bis auch Mittelständler auf die Crowd als Geldgeber zurückgreifen, werde indes noch Zeit vergehen, meinen Experten. Bisher lägen fast keine Erfahrungen mit der Schwarmfinanzierung für Mittelständler vor, heißt es etwa vom Network Corporate Finance, das Unternehmen in Finanzierungsfragen berät. Zudem ständen viele Unternehmen dieser Art von Beteiligungsmodellen noch skeptisch gegenüber. Noch fehlten Erfahrungswerte. Unternehmen sollten es allerdings auf einen Versuch ankommen lassen. Sie können auch in kleinerem Rahmen ausprobieren, wie die Schwarmfinanzierung funktioniert – und sind mit dem Wagnis Konkurrenten vielleicht einen Schritt voraus. Die Neugier könnte sich also auszahlen. Schließlich empfinden viele, die mit Crowdfunding Erfahrung gemacht haben, diese in der Regel als positiv. Die Endverbraucher können von Anfang an Einfluss auf das Projekt nehmen, das ist das Schöne daran. Durch den Dialog können diejenigen, die die Produkte kaufen sollen, direkt mitentscheiden, wie das Sortiment aussehen soll.

Der Schwarm ist indes auch anspruchsvoll. Kleinanleger müssen von einer Idee restlos überzeugt sein, bevor sie ihr Geld dafür hergeben. Wer sich auf Crowdfunding-Plattformen nicht überzeugend genug präsentiert, muss seine Idee deshalb im schlimmsten Fall ganz begraben oder sich andere Finanzierungswege suchen. „Um eine Masse von Kleinanlegern zu überzeugen, muss man schon etwas Besonderes bieten“, sagt Baumann. Sonst senke der Schwarm den Daumen für ein Projekt. „Man braucht ein exklusives Alleinstellungsmerkmal.“ Das kann eine multifunktionale Tasche sein – oder ein Kuchen aus dreibeinigen Möhren.

 

Foto Möhren: Culinary Misfits
Foto Fischschwarm: Fotolia | uwimages

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