Ready for Reporting? Stand der Nachhaltigkeitsberichterstattung im deutschen Mittelstand.

Von:  Kristina Jahn

Das N-Kompass Magazin im Gespräch mit Dr. Gerd Scholl, Forschungsfeldleiter Unternehmensführung und Konsum am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW).

Über die Nachhaltigkeit ihres Wirtschaftens zu berichten und Transparenz herzustellen über Themen wie Menschenrechte, Soziales und Umweltfragen, ist für viele deutsche Unternehmen schon seit Jahren eine Selbstverständlichkeit. Insbesondere KMU haben ihre Berichterstattung im Laufe der letzten Jahre ausgebaut und professionalisiert. Für Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern wird die Berichterstattung zu Themen rund um Corporate Social Responsibility (CSR) ab 2017 sogar  verpflichtend. Insgesamt umfasst der Ansatz rund 6.000 Unternehmen und Organisationen innerhalb der EU - vor allem Unternehmen, die im Fokus des öffentlichen Interesses stehen, wie Finanzdienstleister, Versicherungen und börsennotierte Unternehmen. Indirekt hat dies auch Auswirkungen auf viele kleine und mittlere Unternehmen. So sehen sich viele Zulieferer im Rahmen der Lieferkette zunehmend durch ihre Auftraggeber aufgefordert, Nachweise zur Erfüllung sozialer und ökologischer Standards zu erbringen. Doch wo steht der deutsche Mittelstand heute in Punkto CSR-Berichterstattung,  welche Trends zeichnen sich ab und wo haben die meisten Unternehmen noch Nachholbedarf? Der N-Kompass sprach dazu mit Dr. Gerd Scholl, Forschungsfeldleiter am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung. 

 

Herr Scholl, Ende September hat das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung zusammen mit seinem Kooperationspartner future e.V. - verantwortung unternehmen die Ergebnisse seines Rankings der Nachhaltigkeitsberichte veröffentlicht.  Auf der Grundlage von Fördermitteln des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales haben Sie und Ihre Mitarbeiter rund 120 Nachhaltigkeitsberichte deutscher Unternehmen auf Basis eines umfassenden Kriteriensets analysiert. Neben 79 Berichten von Großunternehmen wurden dabei 40 Berichte von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) bewertet. Die Ergebnisse diskutieren Sie nun im Herbst 2016 im Rahmen von Praxisworkshops zum CSR Reporting in München, Düsseldorf, Hannover und Leipzig mit vielen mittelständischen Unternehmen. Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Ranking und wie sind Sie dabei methodisch vorgegangen?

Unsere Bewertung soll ein Bild davon vermitteln, wie offen und transparent Unternehmen heute gegenüber der Öffentlichkeit auftreten und in welchem Umfang und in welcher Qualität sie ihre sozialen und ökologischen Auswirkungen darstellen und reflektieren. Dabei haben wir beim KMU-Ranking ausschließlich freiwillig eingereichte Nachhaltigkeitsberichte analysiert. Letztmöglicher Einreichungstermin für KMU war der 15. Februar 2016. Als KMU definieren wir dabei Unternehmen, die bis 5.000 Personen beschäftigen oder bis 500 Millionen Euro Jahresumsatz erwirtschaften. Von den eingereichten Berichten wurden durch ein qualitatives Screening 40 Berichte zur Bewertung ausgewählt. 

Das vorliegende Ranking ist mittlerweile der neunte Durchgang. Nehmen Sie ein verstärktes Engagement von KMU in Punkto Nachhaltigkeitsberichterstattung wahr?

Definitiv. Zum einen ist die Zahl der Unternehmen gestiegen, die einen Nachhaltigkeitsbericht veröffentlichen: Die Zahl der von uns erfassten KMU-Nachhaltigkeitsberichte ist von 127 in 2011 - dem Zeitpunkt unseres letzten Rankings - auf 165 zum Stichtag im Februar 2016 gestiegen. Zudem konnten wir auch ein großes Interesse an unserem Ranking verzeichnen: Um eine Teilnahme am Ranking hatten sich in diesem Durchgang 62 KMU beworben - von diesen konnten wir nur knapp zwei Drittel - also 40 Berichte -  berücksichtigen.

Gleichzeitig ist unserer Auffassung nach bei den KMU - anders als bei den Großunternehmen - auch die Qualität der Berichterstattung gestiegen:  gegenüber 2011 gelang den KMU über fast alle Kriterien eine deutliche Verbesserung. Viele mittelständische Unternehmen haben ihre Berichterstattung im Laufe der letzten Jahre ausgebaut und professionalisiert, so dass ihre Berichterstattung denen der Großunternehmen in vielen Fällen bezüglich Umfang und Qualität kaum noch nachstehen.

Und „last but not least“ konnten wir auch feststellen, dass viele Mittelständler inzwischen viel systematischer an die Bestimmung ihrer wesentlichen Nachhaltigkeitsthemen und Berichtsthemen herangehen und dabei auch Stakeholdererwartungen mit einbeziehen. Die Ergebnisse dieses Prozesses finden sich dann in den Nachhaltigkeitsberichten in Form einer Wesentlichkeitsmatrix wieder.

Welche Trends nehmen Sie in Hinblick auf die Formate der publizierten KMU-Berichte wahr? Ist „integrierte Berichterstattung“ für KMU schon ein Thema?

Anders als bei den Großunternehmen, bei denen der gedruckte Nachhaltigkeitsbericht häufig nur noch eines von mehreren Medien ist, konzentriert sich die Nachhaltigkeitsberichterstattung der KMU nach wie vor zum allergrößten Teil auf den gedruckten Nachhaltigkeitsbericht. Aber auch bei den KMU veröffentlichen immerhin fünf der von uns analysierten Unternehmen einen Onlinebericht: Die Bitburger Braugruppe, die Entega, Studiosus Reisen, Takkt und Vaude.

Auch was das Thema integrierte Berichte angeht, ist deren Anteil bei den KMU deutlich geringer und liegt im aktuellen Ranking bei drei Berichten (Enercity, Entega und Solarworld). Was die Qualität der Berichterstattung betrifft haben wir allerdings festgestellt, dass die geringe Zahl von integrierten Berichten bei den KMU überhaupt nicht negativ zu bewerten ist - im Gegenteil! Da in den integrierten Berichten in der Regel weniger Raum für das Thema Nachhaltigkeit zur Verfügung steht, können diese die Breite der Rankinganforderungen häufig nur lückenhaft erfüllen. Auch werden die besonderen Potenziale der integrierten Berichterstattung kaum ausgespielt: Die Berichte spiegeln nur selten eine wirklich integrierte Denkweise der Unternehmen wider. Dies zeigt sich beispielsweise in der überwiegend schwachen Darstellung zur organisatorischen Verankerung von Nachhaltigkeit im Unternehmen. Durch die externe Prüfung der integrierten Berichte steht den Einbußen bei der Vollständigkeit allerdings zum Teil immerhin ein höheres Maß an Glaubwürdigkeit gegenüber.

Wie hoch ist die Bedeutung der Berichterstattung nach GRI bei den mittelständischen Unternehmen?

Die Bedeutung der GRI-Leitlinien nimmt auch bei den KMU zu. Insgesamt berichten 28 der 40 KMU nach GRI - das sind mehr als zwei Drittel. 18 dieser Unternehmen wenden bereits die neueren G4-Leitlinien an, drei davon sogar die anspruchsvollere „Comprehensive“-Option.

Welche Unternehmen haben in ihrem Ranking besonders gut abgeschnitten und warum?

Vorab muss ich sagen, dass wir grundsätzlich alle KMU, die sich mit ihrem Nachhaltigkeitsbericht dem Ranking gestellt haben, als Vorreiter in Punkto Transparenz sehen. Daher weisen wir in unserem Ranking nur für die drei bestplazierten Unternehmen detaillierte Punktzahlen aus. Das waren beim diesjährigen Durchgang der Hersteller von Bio-Kaffee, -Tee und -Gewürzen  Lebensbaum, der Outdoor-Ausrüster Vaude und der Beton- und Natursteinhersteller Rinn. 

Basierend auf der Durchsicht der 40 von Ihnen betrachteten mittelständischen Unternehmen: Wo sehen sie die größten Herausforderungen in der Berichtertattungspraxis?

Bei den KMU fiel insbesondere auf, dass diese bei den Darstellungen von Zielprogrammen und Zielerreichung unterdurchschnittlich abschneiden. Zwar ist in den meisten Berichten ein tabellarischer Überblick über bestehende und neue Ziele enthalten. Ein konsistentes Bild eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses ergibt sich daraus in der Regel jedoch nicht. Hierfür bleiben die Darstellungen zum aktuellen Status und den weiteren geplanten Schritten auf dem Weg zur Zielerreichung häufig zu vage. Bei verfehlten Zielen werden nur selten Ursachen genannt und Korrekturmaßnahmen aufgezeigt.

Auch der Bereich Interessen der MitarbeiterInnen erzielt bei den kleineren Unternehmen unterdurchschnittliche Bewertungen, obwohl sich die KMU hier deutlich gegenüber 2011 verbessern konnten. Die Schwächen liegen insbesondere bei der Berichterstattung zu den Themen Vielfalt, Arbeitszeitmodelle sowie Leiharbeit.

Eine weitere Schwachstelle findet sich im Bereich der Berichterstattung zur Einbindung von Stakeholdern. Zwar stellen die meisten Unternehmen Formen und Inhalte ihres Stakeholderdialogs dar, Ergebnisse und Konsequenzen, die aus den Erkenntnissen des Dialogs gezogen wurden, werden jedoch nur selten deutlich. Oft bleibt unklar, wie die Stakeholder in die Identifizierung der wesentlichen Nachhaltigkeitsthemen eingebunden wurden. 

Darüber hinaus besteht in vielen Berichten Nachholbedarf, was die Darstellung der Lieferkettenverantwortung angeht. Am transparentesten gelang dies bei den KMU den Unternehmen Alnatura, Hessnatur, Hochland, Hofpfisterei, Lebensbaum und Vaude. Die Ergebnisse spiegeln damit den Stand des Themas in der Unternehmenspraxis wider: Systeme zur Erfassung und Steuerung ökologischer und sozialer Aspekte in der Lieferkette fehlen in vielen Unternehmen bislang oder befinden sich erst im Aufbau. Zudem haben sich für das Themenfeld noch kaum Standards für die Berichtslegung etabliert.

Die wichtigste von uns identifizierte Schwachstelle ist jedoch das Thema Glaubwürdigkeit: Hierbei besteht weiterhin großer Nachholbedarf: Eine offene Thematisierung von ungelösten Fragen und Zielkonflikten oder auch die Veröffentlichung kritischer externer Bewertungen bleibt bislang eine absolute Ausnahme. Zudem weist bei den KMU derzeit erst jeder vierte Bericht eine externe Prüfbescheinigung nach.

Was ist Ihr Fazit, was die CSR-Berichterstattungspraxis deutscher KMU angeht?

Aus meiner Sicht sind wir bei den KMU, was die Nachhaltigkeitsberichterstattung angeht, auf einem guten Weg. Wie bereits erwähnt konnten wir feststellen, dass sich bei den KMU die Professionalisierung der Berichterstattung weiter fortgesetzt hat. Umfang und Tiefe der veröffentlichten Berichte haben weiterzugenommen und auch bezüglich formaler Kriterien nähern sich die KMU-Berichte denen der Großunternehmen an.

Für die Zukunft erwarten wir außerdem, dass noch mehr mittelständische Unternehmen sich dazu entschließen werden, einen Nachhaltigkeitsbericht zu veröffentlichen. Das begrüßen wir natürlich und hoffen, den Unternehmen, die sich in diesem Jahr erstmalig für eine Berichterstattung entscheiden werden, durch die Verbreitung der Rankingkriterien und -ergebnisse und durch das Aufzeigen von Best-Practice-Beispielen wie jetzt hier im N-Kompass Magazin wichtige Impulse geben zu können.

 

Mehr Informationen zum Ranking der Nachhaltigkeitsberichte von IÖW und future finden Sie unter: www.ranking-nachhaltigkeitsberichte.de

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