Schöne neue Shoppingwelt?

Von:  André Schmidt-Carré

 

Der Onlinehandel boomt. Auch deshalb, weil Kunden einfach per Mausklick und scheinbar ohne Konsequenzen für die Umwelt einkaufen können. Doch wie nachhaltig ist die virtuelle Shopping-Tour tatsächlich? 

 

Die schöne neue Shoppingwelt ist so einfach: Online ein neues Paar
Schuhe kaufen und kurz per Mausklick das Regal fürs Wohnzimmer bestellen.
Alles ohne Versandkosten. Die Ware liefert der
Paket-Zusteller oft schon am nächsten Tag, und
bei Nichtgefallen schickt der Kunde seine Einkäufe einfach kostenlos zurück. Der Onlinekauf ist aus Kundensicht bequem und preiswert. Und gilt zudem auch als nachhaltig. Denn der Kunde lässt schließlich das eigene Auto stehen. Aber stimmt diese Argumentation, mit der viele Onlineshopper ihr Gewissen beruhigen?

Retouren-Tücke schwächt Umweltbilanz

Das Geschäft mit dem Onlinehandel brummt wie nie: Mehr als 40 Milliarden Euro pro Jahr setzen Händler in Deutschland mit Onlineshops um, so der Handelsverband Deutschland. Das entspricht rund jedem zehnten Euro des gesamten Einzelhandels in Deutschland. Zudem sind die Wachstumsraten deutlich größer als im klassischen Laden um die Ecke. In den vergangenen fünf Jahren hat der Onlinehandel um mehr als 50 Prozent zugelegt. Dessen Umweltbilanz ist jedoch nicht so makellos, wie viele Konsumenten denken. Größtes Problem ist die hohe Zahl der Retouren, denn die Kunden schicken einen großen Teil der Pakete oft wieder zurück. „Einige Shops vor allem im Modebereich kalkulieren mit Retourenraten von 70 bis 80 Prozent“, sagt Holger Heinze, Chef der auf nachhaltigen Einzelhandel spezialisierten Unternehmensberatung Monagoo. Heißt: Von vier Paketen müssen drei wieder zurück in den Laden transportiert werden. Und das macht die positiven Effekte des effizienten Logistik-Konzeptes zunichte. Vor allem bei Kleidung schicken Käufer laut der Forschungsgruppe Retourenmanagement am Logistik-Lehrstuhl der Universität Bamberg durchschnittlich jedes zweite Paket zurück. Bei anderen Produkten wie Büchern und Elektronik sind die Quoten zwar niedriger. Experten schätzen dennoch, das Onlinekäufer in Deutschland durchschnittlich fast 30 Prozent aller Waren retournieren. „Der größte Hebel, um die CO2-Bilanz von Onlineshops zu verbessern, ist das Reduzieren der Retourenquote“, fasst Heinze zusammen.

Die Lösung: Qualitätsprodukte und informierte Kunden

Dass Shops auch mit deutlich weniger Rücksendungen funktionieren, zeigt der auf nachhaltige Artikel spezialisierte Online-shop memoworld: Dessen Retourenquote liegt laut Shop-Betreiber memo in Greußenheim mit weniger als fünf Prozent weit unter dem Durchschnitt. Das liegt zum einen am Sortiment, das bei memoworld ursprünglich Büroartikel umfasste: „Bürobedarf schickt man eher selten zurück“, sagt Lothar Hartmann, Nachhaltigkeitsmanager bei memo. Papier und Nachschub für Tacker unterliegen schließlich weniger persönlichen Vorlieben als Modeartikel. memo hat sein Sortiment in den vergangenen Jahren allerdings gezielt ausgebaut und verkauft mittlerweile Büromöbel und nachhaltig produzierte Artikel für Küche und Haushalt ebenso wie Kleidung. Dennoch bleibt die Zahl der zurück gesandten Pakete niedrig. „Wir führen nur qualitativ hochwertige Waren im Sortiment, Mängelretouren sind deshalb bei uns die absolute Ausnahme“, erklärt Hartmann. „Außerdem sind unsere Produkte gut beschrieben, und der Service ist gut erreichbar, um mögliche Fragen vor einer Bestellung zu klären. Damit halten wir die Retourenquote trotz des wachsenden Sortiments niedrig.“ Vorteil des umfangreicheren Angebots: Viele Kunden bündeln mehrere Artikel unterschiedlicher Produktgruppen in einem Paket. Die Anzahl der Waren pro Paket wächst, wodurch sich die Ökobilanz pro Ware für den Transport verbessert. Die Erfahrungen von memo lassen sich auf andere Shops übertragen. Experten beobachten, dass es die Retourenquote maßgeblich beeinflusst, wie gut oder schlecht Artikel im Online-shop präsentiert werden: „Es ist wichtig, dass ein Onlineshop Produkte detailliert beschreibt und möglichst genau darstellt“, sagt Holger Seidenschwarz vom Forschungsinstitut ibi Research an der Universität Regensburg. Die Forscher haben weitere Kriterien ausgemacht. Kundenrezensionen etwa haben sich als probates Mittel erwiesen, um die Retourenzahl zu senken.

Weitere wichtige Stellschraube: Die Zahlungsart. „Bei Einkäufen auf Rechnung ist die Retourenquote durchweg höher als bei anderen Bezahlformen“, sagt der E-Business-Experte Seiden- schwarz. „Der Kunde hat bei Erhalt der Ware noch nichts bezahlt, entsprechend gering ist sein Risiko und hoch seine Bereitschaft, Waren zurück zu schicken.“ Bezahlen Konsumenten vorab, liegt die Retourenquote spürbar niedriger. Online-shops könnten demzufolge ihre Kunden dazu motivieren, auf Rechnungskäufe zu verzichten, um Retouren zu vermeiden. Etwa, indem Käufe auf Rechnung nur auf Umwegen per Extraklick möglich sind. Besser sei es zudem, Käufer zu belohnen, wenn sie auf Retouren verzichten, etwa mit einem Rabatt beim nächsten Einkauf.

Was ist besser: Online oder Offline?

Ob der Onlineeinkauf ökologisch besser als der Kauf im klassischen Geschäft ist, hängt von weiteren Faktoren und vor allem vom Einkaufsszenario ab: Wer in der Stadt wohnt und mit dem Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln zum Einkaufen in stationären Geschäften fährt, belastet die Umwelt deutlich weniger, als wenn er sich zu Hause beliefern lässt. Anders sieht es aus, wenn der Konsument mit dem Auto zum Shoppen fährt: 500 Gramm CO2 kalkuliert die Deutsche-Post-Tochter DHL im Durchschnitt pro Paket, das entspricht mit einem handelsüblichen Kleinwagen einem Einkaufsradius von rund zwei Kilometern. Wer weiter fahren muss, kauft also in der Regel Online nachhaltiger ein: Im Durchschnitt emittiert der Paketversand in Deutschland weniger CO2 als ein Einkauf im stationären Handel, auch wenn der Zusteller mehrere Anläufe braucht, um eine Sendung zuzustellen. Zu dem Ergebnis kommt zumindest eine Studie im Auftrag des Paketdienstes Hermes, einer Tochterfirma des Versandhauses Otto.

Die letzte Meile innovativ überwinden

Vor allem bei der Zustellung der Pakete sehen Experten noch Luft nach oben: Nur etwas mehr als die Hälfte aller Sendungen im B2C-Geschäft kommen in Deutschland direkt beim Kunden an. Immerhin jedes fünfte Paket landet nach vergeblichem Zustellversuch beim Nachbarn und muss nicht erneut transportiert werden, zeigt eine Studie der Unternehmensberatung A.T.Kearney. Weitere Optionen wie Paketboxen oder Kooperationen mit Läden, in denen der Käufer sein Paket abholen kann, sind wiederum mit zusätzlichen Transportwegen verbunden. Neue Serviceangebote sollen daher helfen, die logistisch anspruchsvolle letzte Meile zum Kunden zu meistern und die Zustellquote verbessern. Vor allem die Zustellung am Arbeitsplatz hat Potenzial: 60 Prozent der Deutschen würden sich laut einer Umfrage der Unternehmensberatung PWC Pakete zu ihrer Job-Adresse liefern lassen. „Die Zustellung der Ware beim Arbeitgeber ist sicherlich eine attraktive Variante“, sagt Gerd Bovensiepen, Handelsexperte bei PWC. Vor allem in kleinen Büros sind solche Regelungen längst üblich, in großen Firmen aber oft nicht ohne weiteres möglich.

Der Dienst Pakadoo soll die Zustelung am Arbeitsplatz vereinfachen: Der
Arbeitgeber registriert sich beim Diensteister und bestimmt einen Mitarbeiter,
der Pakete annehmen darf. Wer von den
Mitarbeitern den Service nutzen möchte,
lädt sich eine App aufs Handy. Diese meldet, wenn ein Paket geliefert wurde und
schickt gleichzeitig einen QR-Code aufs
Handy, den der Mitarbeiter beim Abholen
vorzeigt. Bereits 50 Firmen mit insgesamt
25.000 Mitarbeitern nutzen diesen Service, sagt der mittelständische Pakadoo-Betreiber LG I Logistic. In diesem Jahr will
Pakadoo weiter wachsen und hat eine wichtige Hürde auf diesem Weg schon genommen: Mit Amazon hat der Dienst das Internetkaufhaus schlechthin als Partner gewonnen. Dort gehört Pakadoo mittlerweile standardmäßig zu den Bestelloptionen. „Neue Zustellkonzepte müssen und werden sich durchsetzen“, sagt PWC-Logistikexperte Dietmar Prümm. „Aber welche Konzepte auch verfolgt werden, es liegt an den Paketdiensten, die Bedenken ihrer Kunden auszuräumen, damit die letzte Meile nicht zum Flaschenhals im E-Commerce wird.“

Ökologisches Potenzial neuer Konzepte

Für Onlinehändler selbst bleiben weitere Stellschrauben, um den Versand so nachhaltig wie möglich zu organisieren. „Für den nachhaltigen Versand ist es wichtig, wie die Händler ihre Waren verpacken“, sagt Nachhaltigkeitsexperte Heinze von Monagoo. Memo hat sich deshalb eine neue Form der Verpackung ausgedacht und eine Mehrweg-Box entwickelt. Kreuzt ein Kunde beim Versand die sogenannte memo-Box an, bekommt er seine Ware in einer grünen Kunststoff-Kiste geschickt. Sendet er die Box nicht innerhalb von 14 Tagen zurück, bekommt er eine Rechnung zugeschickt. Nach Angaben von memo muss eine Box 55 Umläufe schaffen, um ökologischer zu sein als der Standard-Versand im recyceltem Karton. „Die ersten Boxen haben mittlerweile knapp 130 Umläufe erreicht und befinden sich immer noch in einem einwandfreien Zustand“, sagt memo-Nachhaltigkeitsmanager Hartmann.

Solche Konzepte sind aus ökologischer Sicht umso wünschenswerter, als die Umsätze im E-Commerce sämtlichen Prognosen zufolge weiter rasant wachsen werden. Kein Wunder: Das Shoppen im Internet ist nicht nur bequemer als der Einkauf im Laden, häufig gibt es Special-Interest-Shops, die Offline gar nicht überleben könnten, weil ihr Einzugsgebiet zu klein wäre. Damit ergeben sich im Netz für umtriebige Gründer neue Chancen: Für Maxi Lieberwirth aus Grebenstein war das der Grund, sich mit einem Onlineshop selbständig zu machen. Die 28-Jährige ist überzeugte Tierversuchs-Gegnerin und kaufte in der Vergangenheit selbst viele vegane Produkte im Internet. Das Problem dabei: „Ich habe die Artikel bei den Herstellern direkt gekauft, weil die Sachen sonst nicht zu bekommen waren“, erzählt Lieberwirth. „Das war aber recht mühsam, weil man für jedes Teil in einen anderen Onlineshop klicken musste. Und besonders ökologisch ist diese Art des Einkaufens natürlich auch nicht, wenn man jede Bestellung einzeln verschicken lassen muss.“

Also eröffnete Lieberwirth im vergangenen Jahr ihren eigenen Onlineshop veganics.org, in dem sie derzeit mehr als 500 Produkte von 17 Marken verkauft. „Wir sind eine absolut vegane und tierversuchsfreie Onlinedrogerie“, sagt Lieberwirth. Den Shop betreibt sie gemeinsam mit einer Freundin nebenberuflich. „Solch ein Konzept funktioniert eben nur online, wenn nicht den ganzen Tag jemand im Laden stehen muss“, sagt die Shop-Betreiberin. Wobei ein bisschen Offline-Geschäft nicht schadet: Kunden aus Kassel und Umgebung können ihre Einkäufe zu bestimmten Zeiten direkt im Verkaufsraum in Grebenstein abholen – und ihre gekauften Artikel damit CO2-optimal mit nach Hause nehmen.

 

Fotos: Fotolia I Stanisic Vladimir, Monkey Business 

Abonnieren Sie jetzt das N-Kompass Magazin im NWB Shop

Inhaltewelt

Entdecken Sie andere Beiträge...