"Globale Herausforderungen beginnen vor unserer Haustür."

Von:  Marie-Lucie Linde

 

Philipp Keil, Geschäftsführender Vorstand der Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden-Württemberg (SEZ) erläutert im Interview, warum aus seiner Sicht das Bild des globalen Dorfs Realität geworden ist und welche Treiber künftig die Wirtschaftsweise der Unternehmen bestimmen wird.

 

Herr Keil, die Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden-Württemberg (SEZ) macht sich seit 1991 für Bekämpfung von Armut und Schaffung von Zukunftsperspektiven in Entwicklungsländern stark. Dabei stellen vor allem die globalen Verflechtungen eine besondere Herausforderung dar. Warum fördert Ihre Stiftung gleichzeitig auf regionaler Ebene das Thema Corporate Social Responsibility (CSR), wenn die Herausforderungen doch eher im globalen Kontext liegen?

Weil uns die globalen Herausforderungen ganz konkret lokal betreffen und auch nur gemeinsam mit lokalem Einsatz bewältigt werden können. Lange Zeit lagen die weltweiten Problemzonen geographisch so weit von uns entfernt, dass wir uns als Gesellschaft nicht unmittelbar angesprochen fühlten. Die weltweiten Krisenherde und die starke Migration nach Europa, insbesondere nach Deutschland, hat das geändert. Wir leben nicht länger auf einer Insel der Glückseligen. Globale Herausforderungen beginnen vor unserer Haustür. Das Bild vom globalen Dorf ist real geworden. Die Wirtschaft und auch wir als Konsumentinnen und Konsumenten haben über viele Jahre von der Globalisierung profitiert. Gemeinsam stehen wir nun in der Verantwortung den negativen Begleiterscheinungen zu begegnen, darunter Menschenrechtsverletzungen, Umweltzerstörung oder Raubbau an Ressourcen. Zunftsfähigkeit kann nur gesichert werden, wenn wir unser gesellschaftliches und wirtschaftliches Handeln auf globale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit ausrichten. Genau dazu möchte die SEZ ihren Beitrag leisten.

 

Inwiefern arbeiten Sie als Stiftung mit den von den Vereinten Nationen verabschiedeten Sustainable Development Goals (SDGs) bzw. nutzen diese als Handlungsempfehlungen?

Wir sehen in der Agenda 2030 und den SDGs eine immens wichtige Basis dafür, in Baden-Württemberg und international eine Allianz für die Transformation unserer Welt zu schaffen. Diese wird nur gelingen, wenn gemeinsam weltweit daran gearbeitet wird. Wir haben unser Engagement bei der SEZ auf den neuen internationalen Rahmen der SDGs hin abgestimmt. Interessant ist, dass sich Grundgedanken der SDGs bereits in der SEZ-Satzung vor 26 Jahren niedergelegt wurden. Unser Stiftungsauftrag ist es, die Bürgerinnen und Bürger in Baden-Württemberg für die Notwendigkeit der Entwicklungszusammenarbeit, und damit für globale Verantwortung zu sensibilisieren sowie entwicklungspolitisches Engagement zu initiieren und zu fördern. Wie in den SDGs deutlich formuliert, stehen die Industrieländer mit Blick auf die Zukunftsfähigkeit unserer Erde zentral in der Verantwortung.

 

Ein Schwerpunkt der SEZ ist es, verschiedene Netzwerke und Plattformen für den Austausch rund um eine nachhaltigere Zukunft zu schaffen und auszubauen? Welchen Stellenwert nimmt hier die FAIR HANDELN ein?

Die FAIR HANDELN nimmt sowohl in der Arbeit der SEZ als auch für Branche bundesweit und international einen zentralen Stellenwert ein. Sie ist nicht nur Deutschlands Leitmesse für Fair Trade und global verantwortungsvolles Handeln, sondern deutschlandweit, meines Wissens sogar weltweit, einzigartig in ihrer Größe und Qualität. Als Fach- und Besuchermesse ist sie Kristallisationspunkt, wichtigster Branchentreff und Plattform für Akteure, Entscheidungsträger und Konsumentinnen und Konsumenten zugleich. Im fachlichen Rahmenprogramm finden zahlreiche Konferenzen und Netzwerktreffen statt. Im Zusammenspiel mit der Messe Stuttgart ist die SEZ die Ideengeberin der FAIR HANDELN sowie die fachliche und ideelle Trägerin.

 

Seit ein bis zwei Jahren versuchen Sie auf der FAIR HANDELN neben Fair Trade und dem nachhaltigen Tourismus auch das Thema der unternehmerischen Verantwortung ins Zentrum der Messe zu rücken? Welche besonderen Herausforderungen gehen mit dieser Themenintegration einher?

Der Ausstellungsbereich „Verantwortliche Unternehmensführung (CSR)“ ist sogar schon seit 2009 ein Bestandteil der FAIR HANDELN. Für die SEZ gehörte dieser Ausstellungsbereich von Anfang an dazu. Das Konzept der FAIR HANDELN umfasst neben dem Kernbereich Fairer Handel inhaltlich mit der Entwicklungszusammenarbeit „verwandte“ Themenbereiche, die einen wirkungsvollen Impact in den Ländern des Südens bewirken. Zu den beiden genannten kommen noch die Bereiche Entwicklungszusammenarbeit, Nachhaltiges Finanzwesen, Nachhaltiger Tourismus und Future Fashion hinzu. Dabei zieht sich global verantwortungsvolles Handeln durch alle Bereiche. Niemand hat den goldenen Schlüssel, wie wir den Weg aus dieser weltweiten „Nachhaltigkeitskrise“ finden. Eines ist aber sicher, ohne Unternehmen geht es nicht.

Die Herausforderung für uns ist es hierbei, Unternehmen zu gewinnen, die ihr Engagement  der FAIR HANDELN sichtbar machen. Die FAIR HANDELN ist ein Marktplatz dessen, wo und wie jeder von uns global verantwortlich handeln kann, beim Frühstückskaffee, der Geldanlage, dem Wirtschaften oder beim Reisen. Gerade die Vielfalt der Ausstellungsbereiche liefert Ausstellern wie Besuchern einen großen Mehrwert. Aber aufgrund der Vielfältigkeit und Komplexität unserer Themen, ist die zielgruppengerechte Ansprache und Kommunikation für die Bewerbung eine Herausforderung und schwieriger als bei anderen fachspezifischen Messen.

 

Welche Highlights bietet die FAIR HANDELN dieses Jahr vor allem den Besucher/-innen, die das Thema CSR vorrangig interessiert?

Die Frage ist einfach zu beantworten. Für alle CSR-Interessierten, wird mit Sicherheit die Präsenz und die Keynote von Graeme Maxton, dem Generalsekretär des Club of Rome, bei der Eröffnungsveranstaltung der FAIR HANDELN am Donnerstag, 20. April 2017, um 17 Uhr in der FAIR HANDELN-Halle 5. Im vergangenen Jahr hatte ich bereits die Ehre Graeme kennen zu lernen und ich kann versprechen, dass die Begegnung mit dieser Persönlichkeit nachhaltig beeindruckt.

 

Was sind Ihrer Meinung nach in den nächsten Jahren die großen Treiber, die  Unternehmen zu einer nachhaltigeren Wirtschaftsweise bewegen werden?       

Die größte Herausforderung für Unternehmen und uns alle, und damit auch der größte Treiber ist sicherlich der Klimawandel und damit verbunden die Energiewende. Ein weiterer ist aus meiner Sicht der zunehmende Ressourcenmangel, der Veränderungen zu einer nachhaltigeren Produktion notwendig machen wird. Immens wichtig für die Wirtschaft sind beispielsweise fossile Rohstoffe. Viele Produkte werden daraus hergestellt, wie fast alle Kunststoffe. Eine zukunftsfähige Wirtschaft braucht eine andere Basis – umweltfreundlich, nachwachsend oder recycelt. In manchen  Bereichen ist eine derartige Wende spürbar. Gerade die Textil- und Bekleidungsbranche befindet sich im Aufbruch. Neben klassischer Baumwolle werden verstärkt innovative Naturstoffe wie Fasern aus Milch oder Lyocell häufiger benutzt, um nachhaltige Mode zu produzieren.

Wir sind der Überzeugung, dass unternehmerisches verantwortliches und nachhaltiges Handeln ein Wettbewerbsvorteil  ist. Dass hierzu auch die politischen Rahmenbedingungen gegeben sein müssen, ist selbstverständlich.

 

In Ihrer Arbeit für SEZ setzen Sie sich für eine nachhaltigere Zukunft ein. Was machen Sie als Privatperson, um Ihren Alltag nachhaltiger zu gestalten?

Durch meine Position unterscheidet sich mein berufliches und privates Handeln in diesem Zusammenhang sehr wenig. Wichtig ist bei diesen Fragen zu wissen, dass wir nie der perfekte nachhaltige Mensch sein werden. Vielmehr handelt es sich um einen Prozess achtsamer mit sich, den Ressourcen und seinen Mitmenschen umzugehen. Mir geht es konkret darum zu erkennen, wo mein Handeln Einfluss auf die Umwelt und das Leben anderer Menschen hat. Die „schwarzen“ Flecken möchte ich erkennen und jeden Tag etwas nachhaltiger werden. Ganz konkret bedeutet das zum Beispiel die bewusste Auswahl des Transportmittels, der Lebensmittel, des Kinderspielzeugs oder der eigenen Kleider. Auch im Rahmen der FAIR HANDELN beschäftigen wir uns verstärkt mit dem Thema „Nachhaltige Textilien“. 

 

Mehr Informationen unter: www.sez.de und www.messe-stuttgart.de/fairhandeln

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