Natur pur

Von:  Swende Stratmann

Bei Naturkosmetikhersteller Speick ist das Prinzip Nachhaltigkeit schon seit drei Generationen Tradition – und wird ständig weiterentwickelt. 
Nicht nur Seife und Deo sind frei von allem, was Verbraucher nicht auf Haut und Haaren haben wollen. Warum bei Speick die Nachhaltigkeit in der Wurzel steckt.

Wer sich mit Nachhaltigkeit
 in Unternehmen beschäftigt, hört früher oder später vom Naturkosmetikhersteller Speick. Die Geschichte rund um den wilden Berg­-Baldrian, den der Mittelständler seit fast 90 Jahren von Hand
aus Alpenböden graben lässt, ist ein Evergreen der Szene. Dabei ist die Bio­-Heilpflanze bei weitem nicht das einzige Merkmal, das den Naturkosmetikhersteller zum nachhaltigen Unternehmen macht.
Seit den 1980er Jahren liegen Nachhaltigkeit, Transparenz und Ökoprodukte im Trend. Doch erst in den späten 1990er Jahren hat Speick damit begonnen, sich bewusst als Naturkosmetik­-Unternehmen zu positionieren und die Nachhaltigkeit zum Teil der Marke zu machen. Zu dieser zählen mittlerweile rund 120 Produkte, darunter Shampoos, Duschgele, Lotionen, Öle und Deos. Alle sind natürlich und ausschließlich aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt. Die meisten von ihnen enthalten den Namensgeber des Unternehmens, den Berg­-Baldrian Speick.
Angefangen hat die Unternehmensgeschichte vor rund 88 Jahren mit dem ersten Produkt von Gründer Walter Rau: einer Seife. Die Menschen sahen in dem Waschstück eine Notwendigkeit, aber sicher kein Lifestyleprodukt. Niemand dachte über Inhaltsstoffe nach oder machte sich Gedanken über nachwachsende Rohstoffe. Und so blieb den Kunden lange verborgen, was schon von Beginn an in den Produkten von Speick steckte: Natur pur. 

Überzeugungskraft und Fingerspitzengefühl
Speick Naturkosmetik ist heute das einzige Unternehmen, das den Speick ausgraben und verarbeiten darf. Nach jahrhundertelangem Raubbau wurde die Pflanze im Jahr 1936 unter Naturschutz gestellt. Ein herber Schlag für das Unternehmen, das schon damals Wert auf eine kontrollierte Ernte legte. Den Naturkosmetikhersteller traf keine Schuld, er musste aber trotzdem auf den wilden Speick verzichten. Statt wie bis dahin wilde Pflanzen auszugraben, sorgte das Unternehmen jahrelang aus eigenem Anbau für genügend Nachschub, zahlte für die Bereitstellung der Böden aber auch viel Geld. Bis es dem heutigen Geschäftsführer Wikhart Teuffel in den 1980ern gelang, die österreichischen Behörden zu einer Sondergenehmigung zu bewegen. Teuffel hatte nachgewiesen, dass die Pflanze sich am besten vermehrt und wächst, wenn sie in Teilen und kontrolliert geerntet wird. 
Dafür sind schon immer Kärntener Bauernfamilien und ihre Helfer verantwortlich – und das soll auch so bleiben. „Ich weiß, dass die Arbeit eine gute zusätzliche Einnahmequelle für diese Menschen ist. Sie sichert ihre Existenz und gibt Sicherheit. Und außerdem wissen die, wie es läuft“, sagt Wikhart Teuffel. Die Bauern arbeiten ohne Maschinen, nutzen keine schweren Geräte. Sie holen die Pflanzen mit den Händen aus der Erde. Nur so spüren sie, wie viel sie aus dem Boden ziehen können, ohne den Speick zu beschädigen. „Sie müssen bei der Ernte selbst entscheiden, welche Speick­Pflanze ausgegraben werden darf und welche noch nicht“, sagt Teuffel. Denn damit der Speick auch in den kommenden Jahren geerntet werden kann, müssen immer Teile der Wurzel im Boden bleiben. Gestochen wird jedes Jahr zwischen dem 15. August und dem 15. September. Bis sich die Pflanzen erholt haben und neue gewachsen sind, dauert es danach ganze vier Jahre. Um das Extrakt aus der Wurzel zu gewinnen, werden die Pflanzen nach der Ernte getrocknet und alle zwei Tage vorsichtig gewendet. 

Eine Pflanze, viele Produkte
Speick bietet heute neben der klassischen Seife mehrere Produktreihen an.
Dazu gehören die Natural­Serie Gesichtspflegeprodukte, eine Serie für den Mann, Kosmetikprodukte mit Thermalwasser, Seifenprodukte für Veganer und Vegetarier und die vom Speickduft unabhängige Produktserie „Made by Speick“. Mit ihr will das Unternehmen auch Verbraucher erreichen, die mit der Heilpflanze nicht viel anfangen können, etwa weil sie ihren Geruch nicht mögen. Als grün und würzig beschreibt Firmenchef Teuffel diesen. Bevor sie verarbeitet wird, rieche das zarte Pflänzchen allerdings tatsächlich etwas schweißig, so der Unternehmer. Der Geruch verfliege dann aber, versichert er.
Die Heilpflanze war bereits in der Antike bekannt. Sie wirkt beruhigend auf das zentrale und zugleich anregend auf das vegetative Nervensystem. Zwar ist die Speick­Seife auch heute noch der Verkaufsschlager des Unternehmens. Auf Platz zwei folgt aber schon das Speick­Deo, das seit jeher frei von Aluminiumsalzen ist. Wieder so ein Nachhaltigkeitsthema, bei dem Speick die Nase vorn hatte. Im Jahr 2002 hatten Wissenschaftler herausgefunden, dass aluminiumhaltige Deos Brustkrebs und Alzheimer auslösen könnten. Viele Kunden waren alarmiert und suchten nach Alternativen. Bei Speick wurden sie fündig, sodass die Verkaufszahlen des Speick­Deos in die Höhe schossen. Firmenchef Teuffel war schon immer überzeugt, dass Aluminiumsalze nichts im Deo verloren haben: „Sie verschließen die Poren unter den Armen“, sagt der Mittelständler. „Aber die Idee mit dem Schwitzen hat einen Sinn. Der Körper kühlt sich ab und ihn daran zu hindern, ist nicht gut.“ Das Deo von Speick verhindert deshalb nicht das Schwitzen, sorgt aber dafür, dass kein Schweißgeruch entsteht. 

Hoher Umsatz mit hohen Standards
In Zukunft will Teuffel neue Produkte für Gesichtspflege, Reinigung und getönte Tagescremes auf den Markt bringen – und sich noch mehr an den Bedürfnissen und Wünschen seiner Kunden orientieren. „Die interessieren sich mittlerweile sehr für Inhaltsstoffe und wollen genau wissen, was für ein Produkt sie da gerade kaufen und wie nachhaltig es ist“, sagt Teuffel. Die Neuheiten entwickeln Teuffels Angestellten selbst, von denen 40 in einer Produktionsstätte nahe Stuttgart arbeiten. Von dort aus gehen die Cremes und Shampoos in über 34 Länder. Russland ist der größte Abnehmer. Etwa 15 Millionen Euro Umsatz macht Speick im Jahr. Die Produkte gibt es in der Drogerie, vielen Supermärkten und Apotheken, im Speick­Laden in Leinfelden­Echterdingen oder im Onlineshop. Shampoos und Duschcremes kosten im Durchschnitt vier Euro und sind damit etwa doppelt so teuer wie herkömmliche Massenware, liegen auf dem Naturkosmetikmarkt aber deutlich im Mittelfeld.
Bis auf die klassischen Produkte der Serien Speick natural und Speick men sind alle anderen BDIH­qualifiziert. Sie erfüllen die Kriterien des Bundesverbandes der Industrie­ und Handelsunternehmen für Arzneimittel, Reformwaren, Nahrungsergänzungsmittel und kosmetische Mittel. Das Label ist ein international anerkanntes Kontrollzeichen in der Natur­ und Biokosmetik und gilt als verlässliches Erkennungszeichen. Derzeit gibt es etwa 180 Lizenznehmer und weltweilt 8.000 zertifizierte Produkte. Sie alle sind unter anderem frei von Paraffinen, Silikonen, synthetischen Farb­ und Duftstoffen, ihre Hersteller legen Wert auf den Artenschutz und halten sich an das Tierversuchsverbot. So schreibt es der BDIH vor.

Die Wertschöpfungskette, eine klare Herausforderung
Für Wikhart Teuffel, Speick­Chef in dritter Generation, sind die Vorgaben und Regeln kein Problem. Schon für seine beiden Vorgänger standen Natürlichkeit und Nachhaltigkeit immer an erster Stelle. Sie setzten von Beginn an auf kurze Transportwege und auch Teuffel arbeitet bevorzugt mit regionalen Unternehmen zusammen. So bekommt er beispielsweise den Rindertalg, den er für die klassische Seifenherstellung braucht, von kontrolliert­biologisch arbeitenden, einheimischen Betrieben. Es gibt aber auch Produkte, die das Unternehmen in der Region nicht findet, wie etwa den Speick selbst. Die Heilpflanze wächst nur in den Kärntener Alpen in Österreich in einer Höhe ab 1.800 Metern. Wie viel Teuffel jedes Jahr von den Alpen holt, verrät er nicht. Um den Transport zur Produktionsstätte in Leinfelden­Echterdingen in Baden­Württemberg kommt Teuffel nicht herum.
Beim Palmöl ist der Weg bedeutend weiter. Etwa jedes zweite Supermarktprodukt enthält Palmöl. Ganz vorne mit dabei: Kosmetikartikel. Ohne Palmöl geht es auch bei Speick Naturkosmetik nicht. Um seinen Bedarf zu decken, bleibt Teuffel keine andere Möglichkeit, als das Öl aus Ländern wie Malaysia, Indonesien, Borneo und Sumatra zu importieren. Der Geschäftsführer kennt die Diskussionen rund um das Thema. Im Grunde sei Palmöl aber nicht schlecht, sagt er, nur die Art, wie es in den meisten Fällen beschafft wird. Für Palmölplantagen werden große Flächen unberührter Regenwälder gerodet. Das bedroht die Lebensräume der Tiere und das Klima. Für Teuffel, der versucht, so gut wie jedes Produkt und jeden Schritt der Herstellung auf Nachhaltigkeit zu trimmen, ein Graus. Er bezieht deswegen nur Palmöl, das nach dem von der Umweltschutzorganisation WWF ins Leben gerufenen PSPO­Ansatz produziert wurde. Das heißt: Möglichst keine Rodungen und schonender Anbau. Dafür gibt es dann ein Nachhaltigkeitszertifikat. 

Ausgezeichnet aufgestellt
Wenn der Naturkosmetikhersteller schon nicht auf Palmöl verzichten kann, will er
das bald zumindest mit dem Kunststoff
schaffen. Bisher stehen die Duschgele
und Shampoos von Speick in Plastikflaschen und Tuben im Regal. Zum einen
aus hygienischen Gründen, zum anderen,
weil der Kunde das flüssige Produkt sauber und unkompliziert nach Hause transportieren will. Unternehmer Teuffel hatte
zwischenzeitlich überlegt, sich die leeren
Flaschen von Kunden zurücksenden zu
lassen, damit sie nicht im Müll landen.
„Bei solch einem Rücknahmesystem muss man sich aber auch wieder die Frage stellen, ob der Wegverkehr dann immer noch nachhaltig ist“, sagt er. Stattdessen sollen die Verpackungen für Speick­Produkte demnächst aus Zuckerrohr hergestellt werden – in Form eines Biokunststoffs, der komplett recycelbar ist und ohne fossile Rohstoffe auskommt. Das Duschbad von Speick steht bereits in der neuen Verpackung im Regal. „Wir haben vor, alle unsere Kunststoffflaschen auf die nachhaltige Verpackung nach und nach umzustellen. Das dauert seine Zeit. Aber mir ist es wichtig, dass wir den Impuls gesetzt haben“, sagt Teuffel.
Für das Engagement wurde das Unternehmen mit dem zweiten Platz bei den Sustainable Beauty Awards 2016 in der Kategorie nachhaltige Verpackung belohnt. Eine wohl noch bedeutendere Anerkennung für das Unternehmen war ein Preis im Jahr 2013. Als erste Marke aus der Kosmetikbranche hat Speick Naturkosmetik die international renommierte Auszeichnung „Deutschlands nachhaltigste Marke“ im Rahmen des Deutschen Nachhaltigkeitspreises erhalten. Dieser zählt zu den angesehensten seiner Art in Europa. Die Jury würdigte insbesondere die Art, wie „das Traditionsunternehmen das ökologische und soziale Markenversprechen in besonders authentischer Weise lebt“. Damit ehrten die Experten des Deutschen Nachhaltigkeitspreises nicht zuletzt den Umgang von Speick mit seinen Mitarbeitern. Schon Gründer Walter Rau hatte einen Betriebskindergarten eingeführt, dafür gesorgt, dass seine Mitarbeiter nur in Tagschichten arbeiten und eine Arbeitnehmervertretung gegründet. Und nicht nur das: Der Firmengründer hat den Angestellten und seinen Nachfolgern ein Unternehmen hinterlassen, in dem Nachhaltigkeit schon gelebt wurde, als sie noch lange nicht im Trend lag. 

 

Foto: Speick

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