Aufbäumen statt Abholzen

Von:  Annika Janßen

„Follower“ kennt man bisher vorwiegend aus der virtuellen Welt. Dank der Geschäftsidee des italienischen Unternehmens Treedom können Verbraucher und Unternehmen Bäume pflanzen lassen und diesen online folgen. Warum die Gründer damit nicht auf dem Holzweg sind, sondern in vielerlei Hinsicht Wachstum ermöglichen.

 

Per Mausklick einen Baum pflanzen und so die Erde grüner machen – das ist die Vision der Gründer Federico Garcea und Tommaso Speroni. Vor sieben Jahren haben die Italiener ihr Unternehmen Treedom in Florenz gegründet. Die Bilanz: Bis heute haben knapp 20.000 Landwirte in ihrem Auftrag mehr als 330.000 Bäume in Afrika, Lateinamerika und Italien gepflanzt. Jeder Baum hat eine eigene Internetseite, wird auf einer Karte markiert, fotografiert und kann weiterverschenkt werden.

Eine geniale Idee als Saatgut

Die Idee zu Treedom – ein Wortspiel aus Freedom und Kingdom – kam Garcea und Speroni, während sie für ein soziales Projekt in Kamerun arbeiteten. „Wir waren im Wald und haben gesehen, dass die örtlichen Bauern für die Abholzung der Wälder bezahlt wurden. Da dachten wir uns: Warum das Ganze nicht umdrehen?“, erzählt Garcea. Er und sein Geschäftspartner beantragten bei der Stadt Florenz einen Gründerkredit in Höhe von 30.000 Euro und kauften davon unter anderem ihre ersten 100 Setzlinge. Garcea und Speroni hatten Glück: „Der Zuspruch war größer als wir erwartet hatten“, erinnert sich Garcea. Dabei warben sie für ihre Bäume lediglich auf ihrer Website und veranstalteten Events. Doch das auf erneuerbare Energien spezialisierte Unternehmen Enel wurde auf Treedom aufmerksam und verhalf den Gründern so zu Bekanntheit. Enel sponserte die Tour des italienischen Sängers Jovanotti und wollte gleichzeitig auf ihr Engagement für den Umweltschutz aufmerksam machen. Als Ausgleich für das durch die Konzert-Tour freigesetzte CO2 pflanzte Enel mithilfe von Treedom 12.000 Bäume. Bei einem Online-Wettbewerb konnten die Konzertbesucher dann die Bäume des Waldes gewinnen. 

„Mit dem ersten Umsatz haben wir zuerst die Website überarbeitet“, sagt Garcea. Außerdem feilten die Gründer an ihrem Konzept: Denn schnell merkten sie, dass sie das Projekt alleine nicht stemmen konnten. In den Anfangsmonaten war Mitgründer Tommaso Speroni fast dauerhaft in Kamerun unterwegs, um Bäume zu pflanzen und die Projekte zu überwachen. „Da kam uns die Idee, Kleinbauern mithilfe lokaler Organisationen für die Projekte zu gewinnen“, erzählt Garcea. Und so werden die Aufforstungsprojekte in aller Welt heute von Kleinbauern und Agrargenossenschaften durchgeführt.

Ein spielerischer Ansatz als Dünger

„Als wir unser Geschäft aufbauten, war gerade das Online-Spiel Farmville auf Facebook populär. Dort pflanzten die User virtuelle Bäume und zahlten dafür Geld, um im Spiel schneller voranzukommen“, erzählt Garcea. Etwas Spielerisches hat auch Treedom: Die Website ist interaktiv wie ein Computerspiel. Per Mausklick gelangen Baumbesitzer sozusagen von Level zu Level – Baum aussuchen, den Setzling in der Baumschule besuchen, auf der interaktiven Karte seinen Standort sehen und ihn dann sein Leben lang begleiten. Baumbesitzer können außerdem ihren täglichen CO2-Austoß berechnen. Die Emissionen werden anschließend in einer Animation vom Baum aufgenommen. 

Was lustig klingt, basiert auf einer ausgeklügelten Strategie: Das Baumpflanzen funktioniert schnell und unkompliziert per Mausklick und kostet wenig. Einen Kakaobaum in Kamerun kann man schon für zehn Euro pflanzen, eine Bananenstaude im Senegal kostet 30 Euro. Mehr als 72.000 Menschen und rund 350 Unternehmen, darunter namhafte Konzerne wie PayPal, Unilever und Coca Cola, haben bereits einen oder mehrere Bäume durch Treedom gepflanzt.

Ein starker Partner als erster Ast

Einer der ersten großen Projektpartner von Treedom war der schwedische Bekleidungskonzern H&M. Als die Modemacher im Jahr 2013 die nachhaltig produzierte Kollektion „Conscious“ auf den Markt brachten, suchten sie nach einer Möglichkeit, die 8.000 Mitarbeiter in 10 europäischen H&M Ländern einzubeziehen. Also konzipierten H&M und Treedom gemeinsam die sogenannte Treebox als Weihnachtsgeschenk, um auf die Themen Umweltschutz und Nachhaltigkeit aufmerksam zu machen. Die Treebox war ein Karton aus recyceltem Papier, aus dem die Mitarbeiter einen Weihnachtsbaum basteln konnten. Dazu gab es einen Gutschein-Code für einen Treedom-Baum. Die Weihnachtsaktion war verbunden mit einem Wettbewerb: Wer den Weihnachtsbaum aufbaute, dekorierte und ein Foto auf das firmeninterne Netzwerk stellte, konnte eine Reise in den H&M-Wald gewinnen. Das Projekt kam so gut an, dass H&M die Aktion im Jahr darauf wiederholte. Die H&M-Wälder stehen heute noch immer im Senegal, in Kenia und Malawi. Bis 2023 werden sie laut Treedom 12.151 Tonnen CO2 aufgenommen haben – damit könnte man mehr als 2.500 olympische Schwimmbecken füllen.

Wo genau die H&M-Bäume stehen, welche Projekte der Konzern vor Ort unterstützt und wie viel CO2 die einzelnen Bäume verarbeiten – all das haben die Treedom-Macher interaktiv auf der Website aufbereitet. Denn Umweltschutzgründe allein motivieren die meisten Menschen nicht, Bäume zu kaufen, weiß Jaron Pazi, Geschäftsführer von Treedom Deutschland und verantwortlich für die Märkte Deutschland und Österreich. Um dem trockenen Thema Umweltschutz Aufmerksamkeit zu verleihen, kombiniert Treedom den spielerischen Ansatz mit Emotionalität: „Per Mausklick seinen eigenen Baum zu pflanzen ist ein sehr persönlicher Akt. Und ihm auch noch online folgen zu können und zu wissen, wo er steht, ist einzigartig“, meint Pazi. Früher beim Automobilvermieter Sixt tätig, ist der CSR-Experte nun seit Dezember 2016 bei Treedom an Bord. Auch ein halbes Jahr später ist er noch fasziniert von dem Konzept: „Wir können mit guten Taten Geld verdienen.“

Ein Modell mit vielen Zweigen

Neben dem Baumverkauf generiert Treedom seinen Umsatz auch durch Kooperationen mit Unternehmen – und ist dabei laut eigenen Angaben profitabel. Mittlerweile 25 Mitarbeiter beraten Firmen, wie sie durch den Kauf von Bäumen ihre Umweltziele erreichen und sich so als verantwortungsvolles Unternehmen positionieren können. Denn immer mehr Unternehmen verpflichten sich im Rahmen von CSR-Maßnahmen, einen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten. Indem sie Treedom-Bäume kaufen, unterstützen sie nicht nur die Aufforstung und soziale Projekte vor Ort, sondern können mit einem CO2-Rechner auch ihren ökologischen Fußabdruck errechnen. „Mit den Bäumen können die Unternehmen den CO2-Ausstoß ihrer Aktivitäten und Produkte neutralisieren“, erklärt Pazi.

Das eignet sich natürlich auch zu Marketing-Zwecken. Die Baumprojekte bieten eine optimale Storytelling-Grundlage für Kampagnen und die Kommunikation nach außen: So können Unternehmen, ähnlich wie bei H&M geschehen, etwa „grüne“ Unternehmensgeschenke für Mitarbeiter und Kunden einsetzen und so auf ihr nachhaltiges Engagement aufmerksam machen. „Das zahlt nicht nur auf Unternehmen als attraktive Marke ein, sondern positioniert sie auch als umweltbewussten Arbeitgeber“, erklärt Pazi. Jeder Unternehmenswald erhält eine eigene Seite auf treedom.net, die neben Landkarten, Fotos und Details zu den Bäumen auch den ökologischen Nutzen erklärt. So werden nicht nur potenzielle Kunden auf ein Unternehmen aufmerksam, sondern auch die Mitarbeiter und Stakeholder spielerisch in das Projekt mit eingebunden. Denn oftmals geht es Unternehmen neben der Außendarstellung auch um einen partizipativen Ansatz: Die Mitarbeiter in die Nachhaltigkeitsmaßnahmen einzubeziehen, schafft ein Wir-Gefühl und erhöht unter Umständen die Mitarbeiterloyalität und deren Motivation.

Kleinbauern ernten die Früchte

Neben dem ökologischen Aspekt spielen aber auch soziale Komponenten eine große Rolle. Für die Aufforstungsprojekte werden Kleinbauern und Genossenschaften angelernt, denen die gepflanzten Bäume dann gehören. Neben einer anfänglichen Vergütung für die geleistete Arbeit leben sie langfristig von der Nutzung der Bäume, indem sie etwa deren Früchte verkaufen. Im Gegenzug verpflichten sich die Bauern, ihre Mitmenschen einzubeziehen. „Durch dieses sogenannte Community Empowerment binden wir die ortsansässige Bevölkerung mit ein und stärken so die Gemeinden“, erklärt Pazi.

Landwirte und Genossenschaften werden darüber hinaus von nichtstaatlichen Organisationen unterstützt. Diese planen die agrarforstwirtschaftlichen Projekte, wie etwa das Projekt „Cospe“ im Senegal. Seit dem Jahr 1985 werden im Rahmen des Projekts die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen der Menschen vor Ort verbessert. Auch Treedom beteiligt sich im Rahmen von Aufforstungsprojekten an dem Projekt. Knapp 40.000 Bäume hat Treedom im Senegal bereits gepflanzt. Spitzenreiter in Sachen Aufforstung ist Kamerun. Treedom hat in dem afrikanischen Land bereits über 110.000 Bäume gepflanzt. Dies geschieht unter anderem im Rahmen des Projekts SAFE, das die illegale Abholzung im Kongobecken stoppen will.

Breit verwurzelt für mehr Wachstum

Seit drei Jahren ist Treedom Teil der US-Initiative „B Corporations“. Das weltweite Unternehmensnetzwerk vereint Firmen, die sich durch intensives soziales und ökologisches Engagement auszeichnen. Das B steht für Benefit – also für positives Wirken. Per Online-Assessment-Tool kann jedes Unternehmen seine gesellschaftliche Wirkung testen. Dabei geht es unter anderem darum, wie nachhaltig das Unternehmen ist, welche Management- Kultur die Chefs verfolgen und ob sie den Gewinn reinvestieren. Eine B Corp-Mitgliedschaft steht allen Unternehmen offen, die in dem Test mindestens 80 von 200 Punkten erreichen. Um das B Corp-Siegel zu erhalten, müssen Unternehmen ihre komplette Wertschöpfungskette durchleuchten und rechtlich verankern, dass sie gesellschaftliche Ziele verfolgen. 40.000 Unternehmen haben das bereits getan. Neben Treedom sind auch der Eiscreme-Hersteller Ben & Jerry’s und die Outdoor-Marke Patagonia Teil der Initiative.

In den kommenden Monaten legt Treedom den Fokus auf Expansion. Auch die Produkte entwickelt das Unternehmen weiter: Alles soll noch transparenter, noch spielerischer werden. Deutschland-Chef Jaron Pazi und seine Kollegen arbeiten außerdem daran, die Zusammenarbeit mit Unternehmen auch über Italien hinaus zu intensivieren. Hierher kommen bislang noch 85 Prozent der Kooperationspartner. Pazi sieht auf dem deutschen Markt allerdings große Chancen, denn: „Die Deutschen undauch die Unternehmen hier sind sehr umweltbewusst.“ 


 „Seit einigen Jahren begeistern wir Menschen mit Spiel, Spaß und Transparenz. Genau das wollen wir nun auch in deutsche Unternehmen tragen und sie dabei unterstützen, ihre Nachhaltigkeitsthemen und ihr Umweltengagement spielerisch und kreativ an ihre Stakeholder heranzutragen und auf diese Weise einzubinden. Wir glauben, dass wir durch positive Impulse mehr erreichen als durch den erhobenen Zeigefinger."

 Jaron Pazi arbeitete über 15 Jahre im Spannungsfeld zwischen Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik. Nach seiner letzten Position als Leiter der CSR bei der Sixt Gruppe entschloss er, sich den Bäumen und dem Planeten zu widmen.

 

Mehr Informationen finden Sie unter: www.treedom.net

Fotos: Treedom

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