Manche Menschen sind gleicher

Von:  Tina Teucher

 

Bis 2030 will die Weltgemeinschaft die Welt gerechter gestalten. Mit dem Ziel 10 nimmt sie sich vor, ungleichheiten zu reduzieren. Wie Unternehmen den sozialen Zusammenhalt in Wirtschaft und Gesellschaft stärken können. 

Ungleichheiten sind ein wachsendes Problem in fast allen OECD­Ländern. Die Lücke zwischen den reichsten 10 Prozent und den ärmsten 10 Prozent ist auf Rekordlevel. Neueste Studien zeigen, dass die Schere
zwischen nördlichen und südlichen Mitgliedsstaaten wächst – und innerhalb der Nationen ebenfalls. Die Forschung zeigt aber auch, dass weniger Ungleichheiten Wachstum befördern. Deshalb sollten reiche Länder Wege finden, mehr Gerechtigkeit in ökonomische Prozesse zu bringen, um gute Beispiele für den Rest der Welt zu werden. Obwohl Deutschland im 1. SDG­Stress­Test unter den OECD­Staaten vorne mitspielt (auf Platz 6) und bei 12 der 34 untersuchten Indikatoren vordere Plätze aufweisen kann, ist beim Ziel 10 deutlicher Nachholbedarf erkennbar.

Jedem faire Chancen geben

Um Ungleichheiten zu reduzieren, finden kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) ganz individuelle Wege. Um seine beliebten schwäbischen Brezeln trotz Fachkräftemangel an die Kunden bringen zu können, entschied sich z.B. Bäcker Leins aus Rottenburg – Hirrlingen, Flüchtlinge als Bäckergehilfen einzustellen. Wally Jojo Chinti arbeitete bereits in Gambia im Bäckerei­Handwerk. In seinem Praktikum und seiner Ausbildung in Deutschland entdeckt er ganz neue Produkte und Maschinen. Das Sozialunternehmen Fairfactia fördert den fairen Handel von Textilien im Massenmarkt zwischen Indien und Europa. Dafür erhalten benachteiligte Kinder in Kooperation mit der Organisation United for Hope Bildung, speziell auch zu bürgerschaftlichen Themen wie Umweltschutz, Geschlechtergerechtigkeit, Kastengleichheit, Gesundheit und Hygiene. Durch gezielte Trainings werden Fabrikarbeiter weg von ihren sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen hin zu Jobs in menschenwürdigen Handwerksbetrieben begleitet. Beim der Equal Rating Innovation Challange von Mozilla (der Non­Profit­Organisation hinter dem Firefox Browser) engagieren sich weltweit Unternehmen aller Größen dafür, die digitale Ausgrenzung von 55 % der Weltbevölkerung in armen und ländlichen Gebieten zu beenden (www.equalrating.com). Und weil Omas Kuchen am besten schmecken, verkauft das Social Business „Kuchentratsch“ Leckereien von Seniorinnen: In einer eigenen Backstube können ältere Menschen neue Leute kennenlernen und sich etwas zur Rente dazu verdienen.

Zeit nehmen für Stärken und Schwächen

Wie ungleich Menschen sein und behandelt werden können, lässt sich am Thema Behinderung beobachten. Nicht nur im Bildungswesen, auch im Arbeitsmarkt gibt es in Deutschland bisher zu wenig gute Inklusionsbeispiele, findet Reinhard Manger, Betriebsleiter und Nachhaltigkeitsverantwortlicher bei der Bio- Molkerei Lobetal. Das Unternehmen mit neun Mitarbeitern ge­hört zu den Hoffnungstaler Werkstätten und stellt Bio­Lebensmittel mit Menschen mit Behinderung her. Das Ziel: Qualifizierung für den ersten Arbeitsmarkt. In der Praxis stellt das hohe Anforderungen an Arbeitsplatz und Beschäftigte, weiß Manger: „Wir vermitteln immer wieder in den ersten Arbeitsmarkt, es gibt aber auch Rückkehrer.“ Um es dennoch zu schaffen, bieten die Werkstätten intensive Betreuung und Begleitung mit Schulen und Weiterbildungen.

Bis zur Beseitigung von Ungleichheiten sei es aber noch ein jahrzehntelanger Weg: „Integriert wären die Behinderten, wenn man in die Molkerei kommt und nicht sieht, wer jetzt behindert ist. Man würde viel mehr sehen: Behinderung ist kein Problem, denn jeder hat seine Stärken und Schwächen und kann seinen Platz überall finden“, findet Manger. Eine Alternative zu den Werkstätten sieht der Betriebsleiter aber nicht, denn auf dem ersten Arbeitsmarkt wehe der Wind zu rau. „Wo schon ‚normale‘ Mitarbeiter mit Mobbing und Burnout zu kämpfen haben, bleibt keine Zeit um herauszufinden, wer was wirklich gut kann.“

Augenhöhe statt billige Arbeitskräfte

Aus Besuchen im sogenannten dritten Arbeitsmarkt lassen sich auch triste Schlussfolgerungen ziehen: „In Werkstätten müssen die Menschen mit Behinderung oft stupide Arbeit verrichten“, hat Leon Benedens beobachtet. Sein junges Start­up Fairment versucht deshalb bei der Produktion seines fair gehandelten Kombucha Tees, Menschen mit Behinderung in den Unternehmensalltag zu integrieren. Sie sollen mit anderen Menschen interagieren können, die nicht zu ihren Betreuern gehören und eine abwechslungsreiche Arbeit erhalten. „Wir wollen die Ungerechtigkeit, als billige Arbeitskräfte behandelt zu werden, beenden.“

Als Paradebeispiel für gelungene Inklusion in Deutschland gilt das Sozialunternehmen AfB. „Wir fördern soziale, wirtschaftliche sowie digitale Inklusion, unabhängig von Behinderung oder gesellschaftlichem Status“, sagt Janina Keller von AfB. Über 40 % der Mitarbeiter seien Menschen mit Behinderung. Durch den engen Kontakt würden Partner sowie Endkunden sensibilisiert und Berührungsängste reduziert. Dabei konzentriert sich das Social Enterprise bewusst auf wesentliche Ziele für nachhaltige Entwicklung: „Über die SDGs erhoffen wir uns, neue Kooperationen mit Firmen zu finden, um gemeinsam noch mehr erreichen zu können.“ 

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